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FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Präriehasenblues
Ein Leben in der Kulissenwelt: "Der Berufsindianer" (WDR)

Vor der Abreise verstaut er seine Träume im Gepäck, denn wie sonst sollte er sich in einem Land zurechtfinden, das er im Verlauf seiner Karriere vielfach durchstreift, aber noch nie gesehen hat. Gojko Mitic brachte es als Indianer-Darsteller in Diensten der Defa zur Kultfigur, welche das Recht auf ihrer Seite wußte, denn anders als in zahlreichen Hollywood-Western schlug sich die ostdeutsche Filmindustrie von Beginn an auf die Seite der entrechteten Ureinwohner Amerikas.

Der Wilde Westen erstand in der Mongolei oder auf Kuba, dort focht Mitic als Häuptling der Blackfeet oder der Sioux gegen die Raffgier der weißen Siedler, den Oberkörper entblößt wie sein reines Gewissen. Von seinem Weg aus der Kulissenwelt zu den Originalschauplätzen erzählt Ramon Kramers Filmdebüt "Der Berufsindianer - Gojko Mitic in der Prärie".

Von Süddakota bis zu den Rocky Mountains in Montana führt die Reise, vorbei an den Containerburgen der Indianer-Reservationen. Nun gilt es, die Wirklichkeit nach jenen Wesenszügen abzusuchen, welche die drastisch gepinselte Phantasie vorgab. Der Schauspieler hört die Verbitterung in den Stimmen, wenn es um die traurige Historie geht, die jedem der Befragten auf der Zunge brennt, als sei das Unheil erst gestern geschehen.
Einmal hält die Kamera nur den Schatten eines klagenden Indianers an der Wand fest, und der schrundige, an einer Stelle aufgeplatzte Beton gibt den Riß wieder, der das Innerste des Befragten zeichnet. Durch den über Bande gespielten Blick öffnet der Kameramann Holly Fink unsere Augen für das Ungesagte, ohne die Menschen zu bedrängen.

Mitic, der seit mehr als zehn Jahren den Häuptling bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg gibt,
wußte um die Trostlosigkeit, allerdings waren Gut und Böse in seinen Filmen stets säuberlich geschieden, während das reale Alkohol- und Drogenproblem ungleich vielschichtiger ausfällt.
Manchmal hebt der im ehemaligen Jugoslawien geborene Schauspieler den Blick himmelwärts, als wolle er seinen "heißen Draht zu Manitu" prüfen, und hinter seinem steilen Nasenrücken drängt die gezackte Gratlinie der Rocky Mountains ins Bild wie eine Fieberkurve aus Stein. Und immer ist es, als breche im Augenblick des Erlebens das vorgefertigte Bild im Kopf nach allen Seiten hin auf.
Dem Film gelingt es vorzüglich, den Weg in die Weite als Selbstsuche zu inszenieren, Meile für Meile - und Bild für Bild.

ALEXANDER BARTL (FAZ), 08.05.2002