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Interview

Ramon Kramer im Gespräch mit Tom Beege:
AM FUSS DER ROCKY MOUNTAINS - Ein Medizinmann auf Büffeljagd

Wie lange dauerte die Arbeit am Film und wie entstand die Idee dazu?  

Die Idee zu einem Film, der das Indianerleben selbst zum Thema macht, hatte ich schon lange, schon vor meinem ersten Film "Der Berufsindianer", für den ich mit Gojko Mitic ins Indianerland gefahren war. Die konkrete Planung für "Am Fuß der Rocky Mountains" begann Anfang 2005. Der NDR wollte für das Format "Länder Menschen Abenteuer" einen Film, der in den Rocky Mountains spielt. Ich stand in Kontakt mit dem Redakteur Redakteur Wolf Lengwenus, weil ich ihm den "Berufsindianer" geschickt hatte, den er sehr gut fand. Wir sind dann letztlich gemeinsam darauf gekommen, diesen Film mit diesem Thema zu drehen. Zusätzlich hat die Filmförderung Hamburg das Projekt unterstützt, wodurch das ganze Projekt finanzierbar wurde. So bin ich im Mai 2005 nach Montana gefahren, um mit den möglichen Protagonisten zu reden, und im Juli/August haben wir drei Wochen gedreht. Die größte Arbeit bestand darin, etwa 30 Stunden Filmmaterial auszuwerten, den Film zu schneiden und den Text zu schreiben. Alles zusammen hat das ungefähr ein Jahr gebraucht. 


Warum kam es zur Zusammenarbeit mit Sprecher Klaus Sonnenschein
und
Kameramann Holly Fink, der ja eigentlich für Film-Epen wie "Dresden" bekannt ist?  

Klaus Sonnenschein ist ja unter anderem die Synchronstimme von Morgan Freeman. Er hat eine unglaubliche Wärme in der Stimme und ist wie ein Fels in der Landschaft Montanas. Ich hab erst im Studio erfahren, dass "Am Fuß der Rocky Mountains" sein erster Dokumentarfilm war. Umso schöner, dass er dabei ist. Holly Fink kenne ich schon seit einigen Jahren, da ich als Komponist viel mit Filmproduktionen zu tun habe. Ich konnte ihn für den "Berufsindianer" gewinnen, weil er das Indianerthema spannend fand. Ich wusste also, dass er wirklich große Bilder machen kann und sagte sofort: ich möchte diesen Film mit Holly machen. Sein Erfahrungsschatz war für diesen Film enorm wichtig. Aber auch ohne die Hilfe von anderen gestandenen Leuten, wie zum Beispiel Roland Musolff (Editor), hätte ich den Film nicht realisieren können.



Zu den spektakulären Szenen des Films gehört die Schwitzhüttenzeremonie. Wie gelang es, die Blackfeet für den Dreh zu gewinnen?  

Das war durchaus nicht leicht. Es gibt meines Wissens noch kein Filmteam, das dazu die Gelegenheit hatte. Ich hab sehr lange gebraucht, das überhaupt anzusprechen, denn es ist sehr intim, jemanden beim Beten zu filmen, zumal wenn er fast nackt ist. Meine Intention war dabei nicht, spektakuläre Bilder zu liefern, sondern die Intensität fühlbar zu machen, mit der noch immer viele Indianer ihren Glauben leben. Es war ein besonderes Zeichen des Vertrauens, dass wir das durften. Die Schwarzfuß sind da sehr zurückhaltend, und ich habe mit Tom Crawfort sehr großes Glück gehabt. Es ist ein wunderbares Geschenk, dass wir mit der Kamera durch dieses "Schlüsselloch" schauen durften. Die Indianer sind sehr darauf bedacht, ihre Identität zu schützen und nicht als Blaupausen missbraucht zu werden. Dann kommen Argumente wie: "Die Leute in Europa denken vielleicht, so funktioniert also eine Schwitzhütte, und nehmen es als Betriebsanleitung." Tom musste sicher sein, dass er mir vertrauen kann, und dass ich behutsam mit dem umgehe, was ich sehe und filme. Wir haben stundenlange Gespräche geführt, und ich musste auch selbst durch die eine oder andere Zeremonie gehen. Im Laufe der Zusammenarbeit hat sich zwischen mir und Tom eine enge Freundschaft entwickelt.



Warum fiel die Wahl des Protagonisten auf Tom Crawfort?  

Ich hatte Tom durch einem gemeinsamen Freund, Darrell Norman, kennen gelernt, und eigentlich ist er der Anlass für diesen Film gewesen. Tom ist repräsentativ für viele Schwarzfuß-Indianer auf der Reservation, denn er lebt zwischen zwei Welten, oder eigentlich sogar mit zwei Welten: der Moderne, dem "American Way of Life", und den indianischen Traditionen. Bei Tom sind aber beide Wege nicht nur verinnerlicht, sie sind auch sichtbar. Er ist sehr bodenständig: er unterhält seine Ranch und treibt seine Kühe, er züchtet Pferde und Rinder, geht auf Rodeos. Gleichzeitig hat er die Funktion und Aufgabe eines Medizinmanns, der sich mit Pflanzen und deren Heilkräften auskennt und der von vielen anerkannt wird.

Das ist für ihn gar kein Gegensatz, sondern sein Alltag.

In vielen Filmen wird stark polarisiert: Indianer werden als geheime Hüter der Weisheit oder naturverbundene Esoteriker idealisiert, oder sie werden als politische Aktivisten oder als verlorenes, besoffenes Volk gezeigt. Wenn man solche Bilder sucht, wird man sie finden. Aber wenn man eine Zeit auf der Reservation verbringt und den Alltag mitlebt, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Und das war mir wichtig, zu transportieren. Auch ich konnte mich von meinen Vorstellungen, was und wie ein Indianer zu sein hat, schwer lösen, weil es mit Wünschen und Sehnsüchten verbunden ist - ein Indianer auf dem Pferd mit Federhaube und Pfeil und Bogen, der die Natur kennt und mit Tieren reden kann. Als ambitionierter Indianerfreund wird man schnell einen Indianer finden, der das auch bestätigt, und dir das Blaue vom Himmel erzählt. Einerseits, weil man einen Weißen gern mal auf den Arm nimmt, andererseits, weil diese Sehnsüchte auch den Indianer betreffen.



Die Büffeljagd wirkt sehr überraschend auf uns Europäer, da viele glauben, dass der Büffel fast ausgestorben sei.  

Nein, der Büffel ist heute nicht mehr vom Aussterben bedroht, er gilt besonders in Montana sogar als beliebte Delikatesse. Aber natürlich hinterfragt die Jagdszene unsere Vorstellung von einer indianischen Büffel-Jagd. Die reiten nicht durch die Prärie und hantieren mit Pfeil und Bogen. Die fahren mit Pick-ups auf die Weide und schießen das Tier aus sicherer Distanz mit einem modernen Jagdgewehr. Und doch spürt und sieht man, dass es um mehr geht, als nur darum, den Büffel zu töten. Es gab an diesem Punkt den Filmer in mir, der unbedingt diese Szenen haben wollte, und es gab den anderen, der dachte: Oh Gott, jetzt legen die das Vieh tatsächlich um. Da hatte ich Momente, in denen ich dachte, vielleicht sollte ich doch besser Vegetarier werden. Was an Ort und Stelle nicht funktionierte, weil ich ein Stück rohes Fleisch essen musste. Durch die Büffeljagd hatte ich die Möglichkeit zu zeigen, was es heute für einen Indianer bedeutet, wieder auf eine Büffeljagd zu gehen. Nämlich eine rituelle Handlung zum Wohle des ganzen Clans. Die Blackfeet waren ein Büffeljägervolk und gehörten Mitte des 19. Jahrhunderts zu den mächtigsten Stämmen. Ihr Gebiet war um 1850 so groß wie die Bundesrepublik - vom Yellowstone-Park bis weit nach Kanada. Heute ist nur ein Stecknadelkopf davon übrig geblieben, ein Drittel von Sachsen etwa.



Nach dem Musikalbum "The Return of the Buffalo Horses" und dem Film "Der Berufsindianer" hast du jetzt das dritte größere Indianerprojekt umgesetzt. Sind die Indianer dein Lebensthema?  

Ja, man könnte sagen: Und ewig lockt die Prärie, denn eigentlich ist der Film schon mein viertes Indianerprojekt. Als Kind habe ich alle Lederstrumpf- und Gojko Mitic- Filme mehrmals gesehen, weniger die Karl-May-Filme, ich fand die toughen Typen immer besser. Ich habe exzessiv Indianer gespielt und fand die ganze Wild-West- Szenerie großartig, zwischen den Betonbauten, in denen ich aufgewachsen bin. 1989 war ich in Kalifornien, weil ich einer großen Liebe hinterher gereist war, und erinnerte mich daran. Ich stellte Fragen und bekam merkwürdige Antworten. "Die Indianer? Die leben hier irgendwo, die sind fast alle arbeitslos und meistens besoffen. Das interessiert hier doch keinen!" Das war sehr frustrierend. Dann hab ich angefangen entsprechende Bücher zu lesen.

Zwei Jahre später habe ich dann so eine klassische Marlboro-Tour gemacht - Grand Canyon, Monument Valley und all die wundervollen Landschaften - und dabei auch ein paar Reservationen durchquert. vAuf dieser Reise kam mir die abenteuerliche Idee, in den Rocky Mountains durch Die letzte Wildnis Montanas zu reiten. Ich wollte zurück zur Natur und den Indianern zeigen, dass es auch gute Weiße Männer gibt. Der angedachte Survivaltrip wurde ein ziemliches Desaster, aber zum Glück haben uns die Schwarzfuß uns aus dem verregneten Reservationsmatsch gezogen. Sie haben uns zu Zeremonien mitgenommen, und aus Bekanntschaften sind über die Jahre Freundschaften geworden. Später habe ich meine anderen Leidenschaften mitgenommen und hab angefangen mit den Leuten Musik zu machen, Geschichten aufzuschreiben und mit der DV-Kamera zu filmen. Mittlerweile ist die Reservation meine zweite Heimat, und ich versuche, jedes Jahr mindestens einmal da zu sein.

Ich hatte auf der ersten Reise natürlich auch eine Intention, denn ich wollte so eine Art politischer Lederstrumpf sein. Damals sollte in einem wunderbaren Gebiet in den Rocky Mountains nach Öl und Gas gebohrt werden, und ich wollte einen Diavortrag schreiben, um damit durch Deutschland zu tingeln. Das habe ich dann auch getan: "Mit dem Pferd auf dem Rückgrat der Erde" war mein erster Schritt zum Film. Das hat mich seit damals nicht mehr losgelassen.




Gibt es eine solche Intention auch für "Am Fuß der Rocky Mountains"?  

Im Film wird diese Geschichte über die Rückkehr der Büffel erzählt. Ich verstehe sie als Metapher für die Überlebenskraft der Prairie-Indianer. Denn obwohl man versucht hat, ihnen mit allen Mitteln ihre Nahrungsgrundlage, ihr Sprache, ihr Land und ihre ganze Kultur zu nehmen, ist trotzdem etwas übrig geblieben, das mehr Kraft hat als die Zerstörungswut des Weißen Mannes.

Mir hat ein sehr anerkannter Blackfeet erzählt, das einzige, was die amerikanische Regierung heute davon abhält, die Reservationen einfach platt zu machen, ist das Interesse an den Indianern in der Welt. Und wenn man es schafft, ein konstruktives Indianerbild zu vermitteln, bleibt diese Lobby vielleicht erhalten.

Das ist nicht der Fall, wenn man ausschließlich über den Identitätsverlust spricht und von heruntergekommenen Säufern berichtet. Mitleidsgeschichten gibt es schon genug, sie sind destruktiv und erwecken ein falsches Bild. Ich wohne auf St. Pauli. Ich habe dort mehr mit Betrunkenen zu tun als je auf der Reservation.



Gibt es Möglichkeiten, sich intensiver zum Thema zu informieren? Wird man weitere Projekte Ramon Kramers in diese Richtung erwarten dürfen?  

Es gibt Kontaktmöglichkeiten auf www.buffalomedia.de.

Der Film wird Anfang nächsten Jahres im Fernsehen laufen und läuft im Oktober Rahmen des Hamburger Filmfestivals, was eine große Freude für mich ist. Ich plane, mit dem Film auf Tour zu gehen, kleine Vorträge zu halten und mit dem Publikum zu reden. Doch jetzt muss ich erst einmal ein altes Buch von Hans Lehr lesen, das meine Freundin im Internet ausgebuddelt hat. Purer Zündstoff. Es heißt. "Ramon, weißer Häuptling der Apachen".


(08/06 © Tom Beege)