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Buchbesprechung d. "Indianermagazins" COYOTE



12.11.08   |   Zurück zur Übersicht
Hey, weißer Mann!

Begegnungen mit einem Kindheitstraum: Ramon Kramers
15 Sommer im Land der Blackfeet-Indianer

Der Traum des kleinen Ramon, der sich unter dem
Weihnachtsbaum als Held der Prärie fühlte, sollte einige
Sommer später in Erfüllung gehen: auf dem Rücken eines
Pferdes durchreitet er, zum jungen Mann herangewachsen,
die weiten Jagdgründe der edlen Indianer.
Die Wildwestromantik wäre perfekt, wäre bloß nicht diese
blöde Angst, vom Pferd zu fallen, die so gar nicht zu seiner
wahren Indianernatur passen würde. Und die dämliche
gelbe Regenjacke gegen kräftige Sommerstürme
unterstreicht auch nicht gerade vorteilhaft das Bild des
stolzen Kriegers. Kurzum, der arme Reiter wird mit seinen
Federn im Haar und dem Silberschmuck am Handgelenk
eben doch immer nur ein „Naapiikoan“, ein weißer Mann
aus Hamburg St. Pauli bleiben. Daran besteht kein Zweifel.

„Ich könnte mir die Haare bis zum Hintern wachsen lassen
und mir noch 100 Federn an die Mütze binden … bis zum
Ende meiner Tage auf der Reservation in einem Tipi leben
… in diesem Leben würde ich immer ein Weißer Mann bleiben.“

Ein weißer Mann zu sein, bedeutet für den jungen
Reisenden durch das Land seiner Träume das Schlimmste,
was er sich vorstellen konnte – und er macht das Beste daraus.

„Hey, white man!“, faucht ihn erbost ein Indianer an, als er
den Touristen beim Photographieren ein Indianermädchens
in Browning, Montana, erwischt. „Ich zuckte zusammen, als
sei neben mir ein Blitz eingeschlagen, und wusste sofort,
dass ich gemeint war.“ Da helfen alle Indianerspiele und
Federn nicht, kein selbstgenähtes Lederhemd und keine
Mokassins. Und das ist das Gute daran.
„Ja, ich bin ein Weißer Mann! An dieser Tatsache komme ich
nicht vorbei…Bis ich so weit war, mich offen bekennen zu
können, mussten viele Sommer vergehen. Doch ich
brauchte nur einen Nachmittag in Browning zu verbringen,
um zu erfahren, dass ich an dem Umstand, ein „Naapiikoan“
zu sein, nun mal nichts ändern kann.“

Vorneweg: ich habe mich beim Lesen köstlich amüsiert,
denn Ramon Kramer nimmt sich und seine Indianerromantik
kräftig selbst auf die Schippe. Eindringlich sei sein Buch all
jenen zur Lektüre empfohlen, die sich im Grunde ihres
Herzens schon immer als die natürlichen Brüder und
Schwestern der amerikanischen Ureinwohner empfunden
haben – ob aus Winnetoubegeisterung, Ethnotourismus
oder Esoterikneigung.

„Ich weißer Mann, du Indianer gut!“ ist eine
Emanzipationsgeschichte, denn aus der romantischen
Faszination, die sich schon jenseits des großen Teichs in
jungen Jahren zeigte, entwickelt der Autor ernsthafte
Zuneigung und augenzwinkerndes Verständnis für die Indianer.
Wie in jeder Entwicklungsgeschichte muss sich der Held erst
in zahlreichen Prüfungen beweisen, bis er zu sich selbst
finden kann. Ohne Blessuren geht das nicht, auch wenn es
sich nur um angekratzte Eitelkeit handelt. Ramon Kramer
hat seine Prüfungen mit Bravour und Humor bestanden.

Der Autorin dieser Zeilen ist zwar diese Art kindlicher
Faszination für „die Indianer“ völlig fremd, doch die
Erlebnisse sind mir wohl vertraut. Wer jemals Indianern
begegnet ist oder auf einem Reservat unterwegs war, wird
sich prächtig amüsieren bei der Schilderung des typischen
indianischen Humors, mit dem so mancher weißer Tourist
konfrontiert wird. Mit sicherem Pfeil trifft der sanfte Spott
sein Ziel, doch er ist nie verletzend, denn die meisten
Indianer, die ich kennengelernt habe, besitzen ein
untrügliches Gespür für Selbstironie.

Ramon Kramer reiste 1993 das erste Mal nach
Browning, der Hauptstadt der Blackfeet-Indianer in
Montana, und kehrte seitdem jeden Sommer zurück
in das Land seiner Sehnsucht. War die erste Reise
noch geprägt von romantischen Erwartungen und
manchen Klischees, entwickelte sich daraus eine tiefe
Beziehung zu den Blackfeet und ihrem Land, die sich
mit ernsthaftem Engagement für ihre Kultur verknüpft.
Bis es jedoch soweit kommen konnte, bedurfte es
einiger Erfahrungen, und dabei ließ der Autor kein
Fettnäpfchen aus: von der hingebungsvollen Pflege
seines leider nicht indianischen Haupthaars über
Schwächeanfälle in der Schwitzhütte bis zur ersten
Jagdbeute. Reiten hat er auch nie wirklich gelernt und
beim Bau eines Tipis lauert auch so manche Tücke.
Wer jemals ein Tipi aufgebaut hat, weiß, wovon der
Autor spricht. Wir sind eben keine Indianer – und auch
die fahren heute lieber Pick-ups als sich auf den Rücken
der Pferde zu schwingen. Schließlich muss zum Glück
keiner mehr im Tipi leben, um sich als Indianer zu
beweisen.

„Ich weißer Mann, du Indianer gut“ ist ein Reisebericht
aus 15 Jahren Montana-Erfahrung im verdichteter Form.
Bereitwillig folgt der Leser den Pfaden durch Montana und
den Erlebnissen im indianischen Leben, die „den“ Indianer
vergessen lassen und uns Begegnungen mit Menschen aus
Fleisch und Blut erlauben, mit Stärken und Schwächen.
Jenseits der Anekdoten vergisst Kramer aber auch nicht,
die Lebensumstände der Blackfeet im 21. Jahrhundert vor
Augen zu führen, auf die Probleme mit
Ressourcenausbeutung und Diskriminierung hinzuweisen.
Beispielhaft sei hier nur an die geplante Ölförderung im
Badger Two Medicine erinnert, die Kramer dazu brachte, in
Deutschland mit Dia-Vorträgen gegen diese Zerstörung des
Landes auf Tour zu gehen. Seine Dokumentation
„Am Fuß der Rocky Mountains – ein Medizinmann auf
Büffeljagd“ war jüngst im NDR zu sehen, und 2001 erschien
das Album „The Return of the Buffalo Horses“, das er
zusammen mit indianischen Musikern aufnahm.

Uns erreichen oft Anfragen von Leuten, die Indianer treffen
oder Reservate besuchen wollen – ihnen werde ich künftig
eine amüsante und zugleich aufschlussreiche Reiselektüre
mit auf den Weg zu den Indianern geben können. „Ich
weißer Mann, du Indianer gut“ ist sicherlich ein
unterhaltsamer und hilfreicher Einstieg für einen
„Naapiikoan“, einen weißen Mann (und natürlich auch Frau),
der sich auf Spurensuche zum indianischen Amerika der
Gegenwart begibt.

Monika Seiller
(Coyote, Ausgabe November 2008,
http://www.aktionsgruppe.de)

Ramon Kramer, Ich weißer Mann, du Indianer gut,
250 Seiten, zahlreiche Photos, Taschenbuch,
Rowohlt, rororo, 9,95 Euro

Informative Webseite des Autors: www.buffalomedia.de